




Vorurteile machten Anerkennung Platz
Türkische Krankenhäuser? Oh je, da spürt man doch gleich, wie sich die Vorurteile im eigenen Kopf zusammenballen. Sechs Jugendliche aus Mülheim, Pflegeschülerinnen und -schüler des St. Marien-Hospitals machten die Probe aufs Exempel: Während eines einwöchigen Praktikums im staatlichen Krankenhaus in Beykoz wichen ihre Vorurteile einer differenzierten Sichtweise. Ihr Fazit: Vieles ist anders, manches deutlich besser als Zuhause.
Doch Schritt für Schritt: Anfang Oktober trafen die sechs Mülheimer Schüler und Jürgen Ohms, Leiter der Contilia Akademie und der Krankenpflege des St. Marien-Hospitals, in Mülheims Partnerstadt Beykoz, einer Mittelstadt nahe Istanbul, ein. In Beykoz befindet sich auch das Partnerkrankenhaus, in dem die jungen Mülheimer mit einer Herzlichkeit empfangen wurden, „mit der wir nicht gerechnet hatten“, wie sie übereinstimmend sagen. Und sie stellten fest, dass das große Wort der „Krankenhaus-Familie, in die sie aufgenommen werden sollten“ nicht übertrieben war. Gemeinsames Frühstück, auch mit der Klinikleitung, war an der Tagesordnung. Bis in die Nacht machten die neuen Kollegen mit ihnen Programm, um ihnen zu zeigen, was Stadt und Umland zu bieten haben. Interessant und aufregend - aber auch ganz schön anstrengend! Vor allem für Saadet Demir (22) und Sibel Erdogan (19), die pausenlos dolmetschen mussten. Groß war auch das Interesse der Medien, immerhin handelte es sich um das erste derartige Projekt. „Wir wurden ständig von Presse begleitet und überall wie die Fürsten empfangen“, erinnern sich die Schüler.
Dabei verloren sie den Zweck ihres Besuchs nicht aus den Augen: Tagsüber wurden sie in den Krankenhausalltag integriert, lernten verschiedene Stationen kennen und halfen mit; zum Beispiel in der Ambulanz. Nadine Menzel: „Ich habe eine Spritze intramuskulär gesetzt. Das werde ich nie vergessen.“ Womit sie einen wesentlichen Unterschied zwischen den Berufsbildern anspricht: Türkische Krankenschwestern haben ein Studium mit Bachelor- oder Masterabschluss absolviert, arbeiten Hand in Hand mit den Ärzten und leisten Tätigkeiten, die hierzulande dem Arzt vorbehalten sind. Die Grundpflege, beruflicher Alltag der Mülheimer Pflegeschüler, übernehmen im türkischen Hospital die Angehörigen, die den Kranken rund um die Uhr begleiten.
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Anna Tschirner (22), Nina Prescher (21) und Georg Canzler (24) erlebten das als großen Vorteil: Die Schwestern hätten dadurch deutlich mehr Zeit für den Patienten. Die Patienten seien zufriedener, würden zum Beispiel die Klingel am Bett kaum benutzen. Zufriedener erlebten die deutschen Gäste auch die Schwestern, die sich einerseits großer Anerkennung erfreuen, anderseits aber trotz ihrer hohen Qualifikation wenig verdienen. „Alle arbeiten gelassen, ohne Stress und sind freundlich.“
Beeindruckt waren die Türkeireisenden außerdem von der ausgezeichneten Organisation, dem hohen Personalschlüssel, dem technischen und hygienischen Standard des Krankenhauses. Georg Canzler: „Zwei-Bett-Zimmer auch für Patienten, die nicht privat versichert sind, haben wir nicht.“ Und was hat ihnen nicht gefallen? „Die 24-Stunden-Schichten für einige Mitarbeiter“, sagt Anna Tschirner. Da lobe sie sich doch das deutsche 3-Schichten-System.
Die sechs Pflegeschüler des St-Marien-Hospitals machten den ersten Schritt in einem Austausch, der Zukunft hat. „Alle wollen kommen“, fasst Jürgen Ohms zusammen. Tatsächlich kommen wird aber zunächst eine Gruppe aus Beykoz; im Frühjahr. Dafür planen die Mülheimer Schüler schon jetzt. Schließlich sollen ihre Gäste von dem Besuch genauso überwältigt sein, wie sie es waren.
Auf Einladung des Städtischen Krankenhauses Pasabahce hielt sich an den ersten Junitagen eine hochrangige Delegation aus dem St. Marien-Hospital in der türkischen Partnerstadt Beykoz auf. Für die Geschäftsführung des katholischen Krankenhauses nahm Dr. Dirk Albrecht an der Delegation teil, begleitet von Pflegedienstleiter Klaus Grauwinkel und dem Leiter der Contilia Akademie Jürgen Ohms. Fazli Dogan begleitete die Delegation als Außenvertretung der Stadt Beykoz und bahnte vor Ort wertvolle Kontakte an. Ziel der Reise war es, den Kulturraum und interdisziplinäre Aspekte zur medizinischen Versorgung türkischer Patientinnen und Patienten kennen zu lernen. Darüber hinaus sollten konkrete Projekte überprüft werden, um die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Krankenhäusern auszubauen und mit Leben zu erfüllen.
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| von links: Jürgen Ohms, Leiter Contilia Akademie; Fazli Dogan, Außenvertretung Beykoz; Dr. Dirk Albrecht, GF St. Marien-Hospital; Seyhan Savas, Sekretärin der GF; Nesat Yayla, Bildungsreferent der Stadt Beykoz (Vertretung des Bildungsministeriums in Beykoz); Klaus Grauwinkel, Pflegedienstleiter; |
Die Delegationsteilnehmer hatten während ihres partnerschaftlichen Aufenthaltes die Gelegenheit neben dem Besuch des städtischen Krankenhauses auch eine privat geführte Klinik aufzusuchen. Zudem gab es politische Besuche beim Bürgermeister der Stadt und dem dortigen Landrat. Beide unterstrichen die Wichtigkeit der Städtepartnerschaft zwischen Beykoz und Mülheim und sagten ihre Unterstützung bei der Realisierung der vereinbarten Gesundheitsprojekte zu.
Konkret wurde ein gegenseitiger Krankenpflegeschüleraustausch in Form eines einwöchigen Praktikums im jeweiligen Partnerkrankenhaus vereinbart. Bereits im September werden die ersten vier Pflegeschülerinnen und Pflegeschüler aus Mülheim im türkischen Krankenhaus Dienst schieben. Bei der Zusammenstellung der Gruppe wird darauf geachtet, dass Auszubildende, die beide Sprachen sprechen mit eingebunden sind. In einer zweiten Etappe plant das St. Marien-Hospital examinierte Pflegekräfte im Rahmen von Weiterbildungsmaßnahmen in das Austauschprogramm zu integrieren. „Der Blick über den Tellerrand ist gerade für die Auszubildenden wichtig“, sagt Geschäftsführer Dr. Dirk Albrecht. „Nicht nur fachlich können sie sich auf diesem Wege fortentwickeln. Vor allem in ihrer persönlichen Entfaltung bringt es sie weiter, eine fremde Kultur kennen zu lernen.“ „Auszubildende aus unserem Krankenhaus, die bereits an internationalen Austauschprogrammen teilgenommen haben, sind jedes Mal als reifere Menschen wieder zurückgekommen“, ergänzte Akademieleiter Jürgen Ohms. Auch Pflegedienstleiter Klaus Grauwinkel bestätigt diesen Eindruck und sieht im Besuch einen großen Gewinn auch für die „examinierten Schwestern und Pfleger, die am künftigen Austausch teilhaben werden. Sie erweitern ihren Horizont und erwerben grenzüberschreitende Erfahrungen, die sie in ihren Arbeitsalltag einbinden können.“
Vor dem Hintergrund der Städtepartnerschaft zwischen Mülheim und Beykoz entwickelte sich der Kontakt zwischen den Krankenhäusern. Die Stadt Mülheim flankiert und unterstützt die freundschaftlichen Kontakte durch organisatorische und praktische Hilfestellungen. So wurde der eintägige Besuch einer türkischen Delegation im St. Marien-Hospital vor drei Wochen ein wichtiger Schwerpunkt im Programm der freundschaftlichen Städtepartnerschaft zu Beykoz. Seit mehr als drei Jahren bestehen die Kontakte im Gesundheitsbereich. Mit dem letzten Besuch bekommen nun die Gespräche einen konkreten Projektcharakter.
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